Mein Partner, der Dämon
Von Kirala Parlin
Das Sprechzimmer
Der Teppich war grau. Kein Muster, kein Makel. Nur dieses tadellose Grau, das still blieb, selbst wenn jemand darauf herumtrampelte. Eine Farbwahrheit ohne Gefühl.
Sie saßen einander gegenüber. Zwischen ihnen: ein Couchtisch mit Minztee. Zwei Tassen. Zwei Servietten. Zwei Schweigen.
„Ich würde vorschlagen, wir beginnen mit einer offenen Runde“, sagte die Therapeutin. Ihre Stimme war wie der Teppich: ruhig, unaufgeregt, professionell.
Er schob den linken Schuh etwas vor. Dann zurück. Wieder vor.
Sie blickte zur Seite. „Du musst nicht reden, wenn du nicht willst.“
„Ich will nur nicht anfangen“, sagte er.
Die Therapeutin nickte. „Dann vielleicht Sie?“
Sie zuckte die Schultern, als ob das schon Antwort genug sei. Doch dann sah sie ihn an. Und sagte: „Ich glaube, er ist wieder da.“
Die Therapeutin sah nicht überrascht aus. „Er?“ „Der Dritte.“
Er verschränkte die Arme. „Ach komm, nicht schon wieder.“
„Du spürst ihn doch auch. Wenn du ehrlich bist.“
Ein leiser Laut – irgendwo zwischen Seufzen und Kichern – ließ die Teetassen klirren. Und dann: ein Luftzug, obwohl kein Fenster offen war.
Etwas saß nun zwischen ihnen.
Etwas – das die Form eines Mannes hatte, aber zu viele Schatten warf.
Der Dämon richtete sich auf, zupfte sich unsichtbare Fussel vom Revers – und sagte mit vorwurfsvollem Blick in die Runde: „Hätte ja sein können, dass ihr mal ohne mich klarkommt. Aber nein – Einladung wie immer durch passiv-aggressive Gedanken. Ich bin wirklich gerührt.“
Die Therapeutin schrieb etwas in ihr Notizbuch, ohne aufzublicken.
„Wie war Ihr Name nochmal?“, fragte sie.
„Nennen Sie mich… Kontingenz. Oder meinetwegen auch Markus.“
Sie nickte. „Gut. Markus. Dann sind wir jetzt vollständig.“
Der Dämon grinste. „Ach, Frau Doktor. Vollständig? So nennt man das also heute.“
Er beugte sich zu der Frau hinüber, neben der er saß – ihr Blick war starr, wie an die Wand geheftet. „Du hast doch gemerkt, dass es kein Gespräch mehr war. Schon lange nicht. Nur das Echo alter Sätze, die nie gestimmt haben.“
Er wandte sich dem Mann zu. „Und du? So lange geschwiegen, bis selbst deine Schuld eingeschlafen ist.“
Er lehnte sich zurück, schob sich zwischen die beiden, nahm sich die Teetasse. Der Dampf war ihm gleichgültig. „Also, was liegt an? Ich nehme an, wir sprechen heute über Nähe.“
Die Offenbarung
Die Therapeutin notierte weiter. Ihre Brille rutschte leicht, doch sie schob sie nicht hoch. Vielleicht aus Prinzip. Vielleicht, weil sie ahnte, dass jedes Zucken zu viel Deutung zuließ.
„Nähe also“, wiederholte sie tonlos.
Markus – der Dämon – prostete mit der Teetasse in ihre Richtung. Dann zu ihr. Dann zu ihm.
„Wisst ihr, das Faszinierende an euch Menschen ist nicht eure Liebe. Sondern wie ihr sie seziert, zerteilt, in kleine grammatikalische Missverständnisse aufteilt. Ihr wollt Nähe – aber bitte nur mit Sicherheitsabstand.“
„Er lügt“, sagte der Mann plötzlich.
Die Frau sah überrascht auf. Seit Wochen – vielleicht Monaten – war das der erste Satz mit Anfang, Mitte und klarer Richtung.
„Wie meinst du das?“, fragte sie.
„Er tut so, als wäre er zwischen uns aufgetaucht. Dabei war er immer du. Oder ich. Je nachdem, wer gerade nicht zugeben wollte, dass da was fehlt.“
Markus hob eine Augenbraue. Das war unnötig – er hatte eigentlich keine, aber er tat es trotzdem. Der Effekt stimmte.
„Oh, bravo“, flüsterte er. „Endlich geht’s ans Eingemachte.“
Die Therapeutin sah auf. „Ich möchte ein Experiment vorschlagen“, sagte sie. „Jeder von Ihnen sagt jetzt, wann er ihn zum ersten Mal gespürt hat.“
Die Frau war zuerst still. Dann: „Beim ersten Streit, der keiner war. Nur Schweigen. Und dann war er plötzlich da – mit diesem Geruch nach verbrannter Zeit.“
Der Mann nickte langsam. „Bei ihrem Lachen. Als ich merkte, dass es mir nicht mehr galt.“
Markus legte gespielt gerührt eine Hand aufs Herz – das nicht schlug. „Das ist so schön, wie ihr mich beschreibt. Fast poetisch.“
Die Therapeutin schrieb zwei Worte in ihr Notizbuch. Niemand sah, welche.
„Und Sie, Markus“, sagte sie, ohne aufzusehen. „Was wollen Sie eigentlich?“
Der Dämon grinste. Dann wurde sein Blick ernst. „Ich will nur, dass einer von beiden geht. Denn solange ihr beide bleibt, kann ich mich nicht auflösen. Ich bin das, was bleibt, wenn ihr nicht entscheidet.“
Ein Moment der Stille. Kein Teeklappern. Kein Rascheln. Nur der Teppich – grau wie immer – saugte das Licht auf.
Dann sagte die Frau:
„Also gut. Ich gehe.“
Der Rollentausch
Therapeutin, Dämon, Paar. Ein Dreieck der Schuldzuweisungen. Nach zehn Minuten war klar: Weiterkommen unmöglich.
Die Therapeutin lehnte sich zurück, seufzte. Dann sagte sie einen Satz, den sie später bereuen würde: „Vielleicht… sollten Sie mal die Perspektive wechseln.“
Stille. Der Dämon hob langsam den Kopf. „Das ist… genial.“
Er sprang auf, riss sich das imaginäre Sakko vom Leib – niemand hatte es gesehen, aber offenbar war es da – und setzte sich auf den Therapeutenstuhl. Mit gekreuzten Beinen. Sehr psychoanalytisch.
„Frau Berger, Herr Berger. Willkommen. Ich bin Markus, Dämon dritter Ordnung, heute in der Rolle des Moderators Ihrer Beziehungshölle.
Er zwinkerte. „Oder was auch immer ihr gerade braucht, um eure innere Leere besser aushalten zu können. Möchten Sie mir erzählen, was Sie auf meiner Couch beschworen hat?“
Die Therapeutin versuchte, einzugreifen. „Also wirklich, das ist jetzt nicht…“
„Schweig still, analoge Zwischeninstanz!“, donnerte Markus. „Du hattest deine Chance.“
Die Frau blickte ihren Mann an. „Willst du anfangen?“
Er zögerte. Dann: „Ich… äh… ich fühle mich nicht gesehen.“
Markus nickte. „Ah. Klassisch. Unerlöste Spiegelprojektion. Und du?“, an die Frau gewandt.
„Ich fühle mich… besessen.“
„Nun“, sagte Markus, „das ist wörtlich sogar sehr korrekt.“
Er klappte ein imaginäres Klemmbrett auf. „Wir beginnen mit einer kleinen Übung. Stell dir vor, du wärst er – und er wäre du. Und dann… spricht jeder aus der Sicht des anderen.“
Ein paar Sekunden Schweigen.
Dann die Frau: „Also… ich, äh… also ich bin jetzt du… und ich sage: Ich fühle mich, als wäre meine Frau ein Dämon.“
Der Mann: „Und ich… also, ich bin du… und sage: Ich kann nicht mal mehr in Ruhe heulen, weil ständig eine andere Präsenz die Kontrolle übernimmt.“
Markus schnippte. „Bravo. Seht ihr, wie befreiend das ist?“
Die Therapeutin hob eine Augenbraue. „Sie verdrehen da etwas.“
„Ich kläre da was“, sagte Markus mit Stolz in der Stimme.
Zwischenmenschlich okkult
Markus saß quer im Therapeutenstuhl, schlug ein Bein über das andere und notierte mit einem unsichtbaren Stift auf einem unsichtbaren Klemmbrett. Die Geräusche waren echt: Kritz-kritz. Kritz.
„Also“, sagte er, „nach eingehender Analyse muss ich sagen: Ihr Problem ist nicht spiritueller, sondern struktureller Natur.“
Die Frau runzelte die Stirn. „Wie bitte?“
„Ich bin kein Dämon“, sagte Markus mit einem gewissen Bedauern. „Ich bin… eine Verdichtung. Eine Art… psychologisches Echo. Ihr habt mich beide erzeugt – mit jeder nicht ausgesprochenen Kränkung, jedem unterdrückten Gedanken, jedem ironischen ‚Passt schon‘, das ihr nie meintet.“
Der Mann runzelte die Stirn. „Aber… du bist real.“
Markus grinste. „So real wie eure Projektionen. Ich bin, was passiert, wenn zwei Menschen gemeinsam ein Monster bauen – und es dann ins Gästezimmer setzen.“
Die Therapeutin öffnete den Mund, schloss ihn wieder. „Also bin ich nicht verrückt?“
„Oh, doch“, sagte Markus. „Aber auf die gute Weise.“
Er stand auf, klopfte sich imaginären Staub von den Schultern und sah die beiden an, als wolle er ihnen zum Abschied ein letztes Bild schenken.
„Wenn man zu lange nicht hinsieht, füllt sich der Schatten von allein. Mit allem, was man sich nicht eingesteht. Irgendwann klopft es dann von innen.“
Er setzte sich wieder – aber nicht ohne sich vorher theatralisch zu räuspern. „Nur zur Erinnerung: Ihr habt mich gebunden. Emotional, wohlgemerkt. Das ist wie ein Vertrag – nur ohne Rechtsweg.“
„Ach bitte“, sagte die Frau. „Nicht noch eine Ausrede.“
„Ich habe Beweise.“ Er kramte einen zerknitterten Einkaufszettel hervor. „12. Dezember: Rotwein, Zimt, Ruhe, Verständnis. Das ist ein klassischer Auslöser. Zwischenmenschlich okkult.“
Die Therapeutin blickte nicht mal auf. „Das war wahrscheinlich für ein Adventswochenende.“
„Ihr seid so pragmatisch“, sagte Markus. „Kein Wunder, dass ich langsam verblasse.“
Er ließ sich auf den Sessel plumpsen. „Ich könnte euch noch ein Entkoppelungsmodell anbieten. Aber… ihr redet ja schon wieder miteinander. So wird das nichts mit mir.“
„Genau das ist der Plan“, sagte die Therapeutin und klappte ihr Notizbuch zu.
Markus seufzte tief. „Früher wurde man wenigstens mit Salbei vertrieben. Heute reicht ein Gespräch.“
Er ging zur Tür.
„Wo willst du hin?“, fragte die Frau.
„Wohin ich immer gehe“, sagte Markus. „Zur nächsten ungeklärten Ehekrise. Oder ins Archiv. Mal sehen.“
Und dann war er weg.
Ein kurzer Luftzug blieb zurück – und das Gefühl, dass jemand einen Satz beendet hatte, der lange offenstand.
Nachklang
Die Tür war kaum ins Schloss gefallen, da schwiegen sie. Die Therapeutin, bleich wie ihr Collegeblock, sah die beiden an, als hätte sie plötzlich ihre eigene Berufswahl in Frage gestellt.
„Also…“, begann sie, „wenn das ein psychologisches Echo war… dann… müsste man das ja auch… behandeln können?“
„Mit was denn?“, fragte die Frau. „Paartherapie für metaphysische Rückstände?“
Der Mann kratzte sich am Kopf. „Vielleicht mit einem Exorzismus auf Gefühlsebene.“
Die Therapeutin notierte etwas. Wahrscheinlich: Reden hilft. Dämonen sprechen lassen, aber nicht mit ihnen diskutieren.
„Es ist eigentlich ganz logisch“, murmelte die Frau. „Er hat unsere Sätze zu Ende gedacht. Die, die wir nie ausgesprochen haben.“
„Und sich dann beschwert, dass wir ihn eingeladen haben“, sagte der Mann. „Unverschämt.“
Sie sahen sich an.
Ein kurzer Moment – der erste echte Blick seit Langem. Ohne Markus. Ohne Schatten. Nur sie beide, in einem Raum, der plötzlich größer wirkte.
„Wollen wir das Gästezimmer neu streichen?“, fragte sie leise.
Er zuckte mit den Schultern. „Oder mal reinschauen, was da alles rumliegt.“
Die Therapeutin nickte. „Das wäre ein Anfang.“
Ein Flackern ging durch die Lampe an der Decke. Nur ein Wackelkontakt – oder ein letzter Gruß von Markus?
Man würde es nie erfahren.
Aber draußen vor dem Fenster war ein helles Licht. Vielleicht nur ein Bus. Vielleicht etwas anderes.
© 2025 Alarik / alariktarot.com – Alle Rechte vorbehalten.
Die Texte in Alariks Spiegelwelt sind urheberrechtlich geschützt. Sie dürfen weder kopiert, vervielfältigt, verbreitet, noch kommerziell oder redaktionell verwendet werden – weder ganz noch in Teilen – ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Autors.
Jede Geschichte ist ein Fragment einer tieferen Wirklichkeit. Du darfst sie lesen – aber nicht mitnehmen, als wäre sie deine. Schatten haben ein Gedächtnis.
