Der Winkel der zweiten Stunde
Die Realität scheint echt – aber ist verschoben

Der Winkel der zweiten Stunde

Eine okkulte Kurzgeschichte mit Alarik

Ich weiß nicht, wie lange ich schon hier bin. Aber der Schatten an der Wand war gestern anders. Und das Geräusch – das Schleifen – ist näher geworden.
Ich erinnere mich an eine Treppe. An das Gefühl, als würde der Boden nicht nach unten führen, sondern zur Seite, in einen Riss. Jemand hatte mich gerufen – aber nicht mit einer Stimme. Mit einem Bild.
Ein Pendel.
Doch was ich fand, war keine Bewegung, sondern ein Raum, der sich bewegte, während ich stillstand.
Ich hatte meine Karten gezogen, eine alte Methode, um Orte zu deuten, die sich dem Kompass entziehen. Drei lagen offen auf dem Steinboden, aber ich kann mich nicht erinnern, sie gelegt zu haben.
Der Gehängte
Die Acht der Schwerter
Das Rad
Als ich die Augen wieder öffnete, war nicht mehr klar, ob ich sie gesehen oder erträumt hatte.
Der Stein unter mir lebt. Ich höre ihn atmen. Doch mein Körper antwortet nicht.
Ich kam, um ein Verschwinden zu untersuchen. Eine Frau, die zuletzt in einem Kloster gesehen wurde, dort, wo die Sonnenstunden nicht zwölf zählen, sondern neunundneunzig.
Ich hatte den Ort nie betreten. Nur seine Spiegelung. Und nun bin ich hier.
Oder war es umgekehrt?
Ich weiß nur: Etwas ist falsch an der Zeit.
Sie schwingt nicht.
Sie wendet sich.

Ein Geräusch – näher als zuvor. Nicht das Schleifen. Ein Hauch, wie Schritte über Asche. Ich drehe mich nicht um. Mein Blick haftet an einer Mauer, die keine ist – nur ein gemalter Schatten der Welt. Eine Illusion, die atmet.
„Ihr seid nicht der Erste, der das Rad betritt“, sagt eine Stimme.
Ich spüre keinen Schreck. Nur die Kälte, die der Erkenntnis folgt.
Eine Gestalt tritt ins Blickfeld. Sie hat keinen Schatten. Oder er fällt falsch. Ein Mönchsgewand, aber keine Hände. Das Gesicht unter der Kapuze ist entweder leer – oder zu viel.
„Die Zeit sucht nicht. Sie sortiert. Was bringt Ihr mit?“
Ich will antworten. Die Karten. Die Frage. Den Namen der Frau. Doch meine Stimme fällt zu Boden, lautlos.
Die Gestalt blickt nach unten. Dort, wo die Karten liegen.
Der Gehängte hat sich gedreht.
Die Acht ist zerschnitten.
Das Rad – es fehlt.
„Dann seid Ihr jetzt das Rad“, sagt die Gestalt und verschwindet – wie durch eine Drehung der Luft.
Ich stehe. Oder liege. Ich weiß es nicht.
Aber etwas hat begonnen.
Und es kennt mich bereits.

Als ich mich wieder bewegen kann, ist der Raum verändert.
Die Wände – oder das, was sie waren – sind durchsichtig geworden. Nicht aus Glas, sondern aus Erinnerung.
Ich sehe eine Zelle. Klosterstein. Dünnes Licht.
Und eine Frau, kniend, die den Boden nicht berührt. Ihre Hände schweben, als würden sie ein Gewicht tragen, das nicht zu sehen ist.
„Seid Ihr der, der kommt?“ fragt sie, ohne aufzublicken.
Ich will ihr antworten, doch meine Stimme trägt wieder nicht. Diesmal spreche ich mit dem Blick.
„Ich habe sie nicht gerufen“, sagt sie, leise. „Aber sie haben mich gewählt.“
Ich erkenne sie. Zumindest das, was von ihr geblieben ist. Ihr Gesicht ist nicht mehr ganz hier – als wäre ein Teil schon auf der anderen Seite.
„Die zweite Stunde beginnt, wenn man sich erinnert, was nie war“, sagt sie.
In diesem Moment sehe ich es: Auf der Innenseite ihrer Handflächen – Linien, die sich zu einem Rad formen.
Und in der Mitte: ein Punkt. Schwarz. Offen. Tiefer als Raum.
Ich weiß nicht, ob sie noch lebt. Oder ob ich es war, der verschwunden ist.

Ich muss mich erinnern.
Der Gehängte.
Die Acht der Schwerter.
Das Rad.
Nicht als Wahrsagung. Nicht als Zukunft. Sondern als Zustand.
Der Gehängte – das Anhalten. Das Innehalten am Rand zwischen Erkenntnis und Aufgabe. Ich bin nicht gestürzt. Ich wurde angehalten. Nicht von außen. Von innen.
Die Acht der Schwerter – das Gefangensein im eigenen Denken. Die Begrenzung, die nicht echt ist, aber wirkt. Ich habe sie gespürt: die Barriere, die nur aus Fragen besteht. Und aus Angst, die Frage zu stellen.
Und das Rad? Es fehlt. Ich wurde nicht beraten. Ich wurde eingewoben.
Vielleicht ist das Rad nicht das, was ich suche. Vielleicht bin ich die Bewegung selbst – oder ihr Schatten.
Ich hatte Karten gelegt. Aber nun legen sie mich.

Dann beginnt es.
Ein Ruck durchzieht den Raum – oder meinen Körper – oder beides. Der Stein unter mir verliert seine Schwere. Ich sinke, ohne zu fallen. Kein Geräusch. Kein Aufprall.
Stattdessen: ein Kreis aus Licht. Nicht hell, sondern tief. Und in der Mitte – ein Spiegel. Kein Glas, sondern Wasser, ruhig und starr. Ich sehe hinein und sehe nicht mich.
Ich sehe einen Mann, der steht, wo ich liege. Und ich liege, wo ich ihn sehe.
Ich strecke die Hand aus. Sie zittert nicht. Aber sie spaltet das Wasser.
Hitze steigt auf. Nicht auf der Haut, sondern in der Brust. Ein Ziehen – wie Erinnerung, die zu stark wird, um sie zu denken.
Dann Schmerz. Nicht durch Wunden, sondern durch Einsicht. Ein Riss, der nicht blutet, sondern flüstert.
„Nenne, was du fürchtest“, sagt eine Stimme aus der Tiefe.
Ich will fliehen, doch der Körper folgt nicht.
Ich will antworten, doch der Geist stürzt zurück.
Also nenne ich es nicht. Ich fühle es.
Und das ist der Moment, in dem sich das Rad zu drehen beginnt.

Es dreht sich nicht wie ein Kreis. Nicht nach außen. Sondern nach innen. Es nimmt mich mit – nicht räumlich, sondern wie eine Spirale in die eigene Mitte.
Und dort liegt es.
Die Karte.
Das Rad. Aber es ist nicht mehr das, was ich kannte.
Es ist aus Fleisch. Es schlägt. Es schaut zurück.
Ich greife danach, und es greift zurück.
Es faltet sich in meine Hand.
Es wird zu meiner Hand.
Ich bin kein Beobachter mehr. Kein Legender. Kein Deuter. Ich bin Teil des Spiels geworden.
Oder war es nie ein Spiel?

Etwas reißt auf. Ein Licht, grell und warm. Geräusche, Stimmen. Ich liege auf kalten Platten. Jemand beugt sich über mich.
„Er reagiert. Puls normalisiert sich.“
Ich blinzle. Hände halten meine Schultern. Kliniklicht. Ein Notarzt. Eine Frau im Hintergrund, weinend.
Sie ist es. Die Frau aus der Zelle.
Aber ihr Gesicht ist jetzt vollständig. Ihre Hände – leer.
„Sie war verschwunden“, sagt jemand. „Und jetzt… sie hat uns zu ihm geführt.“
Ich versuche zu sprechen. Es gelingt.
„Die dritte Stunde… hat geschlagen.“
Und ich weiß: Ich habe sie nicht gerettet. Ich war der, der gefunden werden musste.

Epilog – Auszug aus Alariks Notizbuch, zwei Tage später:

Ich erinnere mich an jede Karte.
Aber nicht an den Moment, in dem sie fiel.
Ich habe mit ihr gesprochen – jetzt, da sie wach ist.
Sie weiß nichts von der Zelle. Von der Zeit. Von der zweiten Stunde.
Nur, dass sie mich „gesehen“ hat, im Traum, und einem Ruf gefolgt ist.
Vielleicht war der Fall nie ihrer.
Vielleicht war er meiner.
Ich habe das Rad bei mir. Nicht die Karte. Etwas anderes.
Es schlägt manchmal, wenn ich die Augen schließe.
Und ich weiß nicht, ob ich dann beginne zu träumen –
oder aufzuwachen.

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Jede Geschichte ist ein Fragment einer tieferen Wirklichkeit. Du darfst sie lesen – aber nicht mitnehmen, als wäre sie deine. Schatten haben ein Gedächtnis.

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